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Ferien einmal anders - zwischen Herzen und Schweineschädeln
Hach
das kann doch nicht wahr sein. Ich lass mich in den Sitz des ICE 773 Richtung Göttingen sinken und lehne mich zurück. Wieso machst du so etwas? Eigentlich könntest du in deinem Bettchen liegen und schlafen.
Wir schreiben den 3. April 2006. Es ist halb neun. Erster Tag der Osterferien.
Stattdessen fährst du für vier Tage zum xLab, um einen Kurs zu besuchen, den du nicht einmal machen wolltest. Die eigentliche Intention, mich für dieses Stipendium zu bewerben, war nämlich die Vorbereitung auf das mir noch bevorstehende Abitur. Wegen mangelnder Nachfrage können wir den Kurs Neurophysiologie nicht anbieten. Pustekuchen. Das wars. Für mich bedeutet dies: Kurs umwählen. Entschieden habe ich mich für den Anatomiekurs, der sich im Nachhinein als die bessere Wahl herausstellt. Auch wenn er primär nicht zur Abivorbereitung dient. Egal.
Nach neunundzwanzig Minuten Zugfahrt, Meike Bagge und ich schafften es gerade so, unser noch nicht stattgefundenes Frühstück nachzuholen, kommen wir bereits im schönen Göttingen an und machen uns auf den Weg zum xLab. Ohne umherzuirren, wohlgemerkt. Für mich, mit meinem fürchterlichen Orientierungssinn, ein kleiner Triumph.
Am xLab werden wir von Sophie Koch freundlich in Empfang genommen und zu den Räumen geführt, in denen der Unterricht stattfinden wird. An dieser Stelle sei erwähnt, dass wir dort wunderbar betreut wurden und man sich sehr um uns bemüht hat!
Mein Kurs Anatomie: Eine messerscharfe Reise durch den Körper, der von Dr. Joachim Rosenbusch geleitet wird, findet von Montag bis Donnerstag von neun bis siebzehn Uhr statt- inkl. einer sechzigminütigen Mittagspause in der Mensa. Dies entspricht somit einem neunstündigen Schultag. Vielleicht hört sich das für einige unmenschlich an, in den Ferien so viele Stunden zu lernen, aber für mich ist dies kein Problem. Aus folgendem Grund: Alle sind freiwillig dort, was zur Folge hat, dass keiner der sieben Kursteilnehmer rumnörgelt (so wie es teilweise bei meinem ersten xLab-Besuch der Fall war, als ich mit den Bio-LKs des 12. Jahrgangs dort gewesen bin), alle haben Interesse an dem, was wir tun, der Unterricht ist gut strukturiert und man merkt, dass der Dozent weiß wovon er spricht - nicht wie bei einigen Lehrkräften dieser oder jener Schule - und alles wird wunderbar anschaulich erklärt. Die Betreuung ist wunderbar und wegen der geringen Kursteilnehmerzahl, kann sich Dr. Rosenbusch um jeden besser kümmern, als es Lehrern in der Schule möglich ist. Mit Schule also schwer zu vergleichen.
Die Tage beginnen mit einem theoretischen Teil, in dem altes Wissen aufgefrischt wird und neues hinzukommt. Hier merke ich auch, wie schnell ich doch einiges aus meinem Gedächtnis verbannt habe
Wiederholen, heißt die Devise. Durch den Unterricht werden mir außerdem Zusammenhänge klar, die mir vorher noch nicht bewusst waren.
Anschließend folgt der praktische und im wahrsten Sinne des Wortes handfestere Teil des Tages.
Am ersten Tag bekommen wir ein Herz und eine Lunge. Auf schlau, wie Dr. Rosenbusch zu sagen pflegt, Cor und Pulmo. Auf schlau wird im Übrigen die ganze Zeit gesprochen. Aus dem Chaos von lateinischen Begriffen, hilft mir das schöne Skript, das wir bekommen.
Erstaunlich, wie viel man als Mediziner wissen muss. Hier ein kleiner Tipp von mir: Alle, die sich ernsthaft überlegen Medizin zu studieren, sollten diesen Kurs besuchen.
In den darauf folgenden Tagen bekommen wir noch Nieren, Gebärmuttern, halbe Schweineköpfe und Hirne zu Gesicht.
Alles wird von uns ganz penibel präpariert und dabei wird klar, wie subtil der menschliche Körper doch ist. Beispielsweise dürfen wir das Lungengewebe von den Bronchien freilegen oder einzelne Nerven. Passen wir eine Sekunde nicht auf oder ist man nicht in der Lage, den Unterschied zwischen Lungengewebe und Bronchie oder Fettgewebe und Nerv zu erkennen, macht man zack und etwas ist kaputt oder durchtrennt. Gut, dass unsere Patienten schon tot sind.
Jeder Tag beschert uns eine neue Seltsamkeit und eine kleine Herausforderung. Montag und Dienstag: Herz, Lunge und Schmerzen in beiden Daumen, weil man die Pinzetten zwei Stunden lang festhalten muss, damit der andere anständig mit dem Skalpell rumhantieren kann. Mittwoch: Eine penetrant nach Schweineurin stinkende Niere und eine genauso übel riechende, schleimige Gebärmutter, bei dessen Anblick man sich wundert, wo da zwölf Ferkel Platz finden sollen. Gearbeitet werden kann da nur mit offenem Fenster. Donnerstag: Halber Schweinekopf und Hirn. Auf der Suche nach der Gehörschnecke und den kleinsten Knochen im Körper, den Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss und Steigbügel) bedienen wir uns des Hammers und Meißels und hämmern uns vorsichtig den Weg frei. Makaber das Bild, das sich einem dabei bietet. Auch hier ist höchste Präzision gefragt. Am Donnertag erfahren wir auch, dass wir, wäre die Nachfrage für diesen Kurs größer gewesen, am Freitag noch in die Anatomie der Uni Göttingen gegangen wären, um an echten Menschenleichen zu arbeiten.
Der Spaß dabei wird nie außer Acht gelassen. Plötzlich werden die Lehrräume zum Atrium dextrum (rechter Vorhof) und Ventriculus dexter (rechte Herzkammer), Dr. Rosenbusch mutierte dann und wann zum Uterus und wenn Paul zustimmt, schwingen wir die Tanz(ge)beine mit dem sympathischen Skelett.
Nebenbei erfährt man noch von der Existenz der Pille für den Mann, die im Gegensatz zu der für die Frau, keinerlei Nebenwirkungen aufweist, und noch von allerlei anderen sehr interessanten Dingen.
Es findet sich auch Zeit, über Medizin, Gentechnik, Moral und Ethik zu diskutieren und von Relikten aus der Nazizeit zu erfahren, wie einer Embryosammlung, die sechzig Jahre alt ist
Man denke sich den Rest selber.
Der Lehrstil des Dozenten ist meiner Meinung nach ganz wunderbar. Eine Mischung aus Uniflair und der gewöhnlichen, sehr lockeren Sprache der Straße - ich bitte, dies nicht falsch zu verstehen - machen es einem einfach, sich zu konzentrieren. Es macht Spaß zuzuhören.
So schnell und kompliziert einem am Anfang alles vorkommt und man von Wissen überhäuft wird, so schnell kann man sich zurechtfinden, wenn man es will. Selbst, wenn man nicht von Allem eine Ahnung hat. Es bietet sich jedoch an, über ein gewisses Basiswissen zu verfügen- sonst macht es wenig Sinn, dort anwesend zu sein.
Nach siebzehn Uhr dürfen wir machen, was wir wollen. Das ist auch gut so, denn nach dem Unterricht müssen sich nicht nur unsere überstrapazierten Hirne erholen. Unsere Nasen schreien regelrecht nach frischer Luft. Und davon gibt es in dem Wäldchen, wo unser Luxushotel steht, reichlich. Zu erreichen ist das auf einem Berg gelegene Häuschen am besten mit dem Auto oder man ist leidenschaftlicher Bergsteiger - dann hat man da auch seinen Spaß. Leider kamen wir nicht im schönen Gästehaus des xLab unter, sondern im Jugendgästehaus. Güteklasse: Absteige. Ha, und was für eine! Am Anfang sagt man eklig, nachdem man sich daran gewöhnt hat abenteuerlich. Und das trifft wohl auch eher zu. Aber wir mutigen Biologen und Physiker haben selbstverständlich keine Angst, uns den Gefahren der Einsamkeit (der Hausmeister geht nämlich nach neunzehn Uhr nach Hause und lässt uns mutterseelenallein) und den zerbrochenen Lattenrosten zu stellen. Auch vor Kämpfen mit Spinnen und anderem Ungeziefer scheuen wir uns nicht. Nach einem, scheinbar einem Liter großen, Cocktail im El Sol, war eh alles nur noch halb so schlimm.
So verstreichen die Tage, an denen man die Bekanntschaft netter Menschen macht, sich im schönen Göttingen tummelt, den Blutkreislauf eines bereits zerhackten Herzens darstellt und die ein oder andere schöne Liegewiese findet.
Donnerstag im Zug: Schade, dass ich schon zurück muss. Gerne wäre ich noch etwas länger geblieben. Schließlich ging einem dieser dufte Kurs richtig unter die Haut.
Sabrina Liedtke, Jahrgang 12
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