„norway.today" von Igor Bauersima
11.12.2009/ Lysefjord, Norwegen: Endet die gemeinsame Reise von Julie und August an den 600 m hohen Todesklippen des norwegischen Prekestolen Felsen am Lysefjord? Diese Frage wird in der Theater-Rezension von Marianne Peters und Monika Klassen beantwortet.
Zwei hannoversche Goetheschüler machen die Aula der Herschelschule zum dramatischen Ort des modernen Zwei-Personen-Dramas „norway.today" von Igor Bauersima.
Die 20jährige Julie (Tamara Semzov) und der 19jährige August (Matwej Novakovski) finden sich in einem Suizid-Chatroom und beschließen gemeinsam in den Tod zu gehen. So reisen die lebenssatte Julie und der lebensfrohe August nach Norwegen an den Prekestolen Felsen, wo die vermeintlich „letzte große Reise" allerdings einen unerwarteten Verlauf nimmt.
August, für viele Zuschauer eindeutig der Sympathieträger des Stücks, zeigt sich zu Anfang als eine quirlige, in einzelnen Szenen beinahe clowneske Persönlichkeit: lebendige Gestik, fröhliches Lachen und überzeugende, offene Mimik. Konträr dazu Julie: ein selbstbewusster, klarer und zielorientierter Charakter - aufgrund der festen und entschlossenen Stimme der Schauspielerin sehr gut in Szene gesetzt.
Element Musik
Während des Stücks durchleben die zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten eine beinahe gegenläufige Entwicklung. So etwas darzustellen und das gemeinsame Spielen dabei perfekt aufeinander abzustimmen - eine echte Herausforderung für die beiden Schauspieler! Sie meistern dies alles mit Bravour, publikumswirksam unterstützt durch die originelle Auswahl der Musikstücke, die nicht nur der Untermalung, sondern auch der Interpretation einzelner Szenen dienen; z. B. das Gespräch beider Spieler über Selbstmord - jeder erwartet dazu wohl melancholische Musikuntermalung - aber: Irrtum! Wenn Julie und August, fest entschlossen, ihr Leben beenden zu wollen, über Suizid sprechen und über ihr Lebensende nachdenken, dann tanzen sie dabei auch, und zwar zu dem Song „Wouldn´t it be nice" von den Beach Boys - jeder, der den Text kennt, weiß: hier geht es um Pläne, Träume, Zukunftsvisionen!
Angst vor dem Verlust der Kindheit
Julie lässt Kindheitserinnerungen lebendig werden: Die kleine Julie - am Rande dieser norwegischen Klippe, von ihrem Vater festgehalten - schwebt sie über dem Abgrund, empfindet das unbändige Gefühl von Freiheit, Weite und Geborgenheit in ihrer Erinnerung noch einmal nach. Und August? Auf seine Reise hat er seinen Kinderfreund mitgenommen, den Teddybären, mit dem er sich an die Klippe stellt und zu dem er spricht - ein Verhalten, das Julie derart irritiert, dass sie sich einen Stein nimmt, mit dem sie ersatzweise zu sprechen beginnt.
Dahinter steht immer ein Regisseur
Das wirkt kurzfristig merkwürdig, vielleicht sogar komisch, man möchte lachen, aber: dem Publikum bleibt das Lachen in dieser Szene und auch sonst so manches Mal im Halse stecken. So hält man auch kurz die Luft an bei Augusts (linksarmigem) Hitlergruß - obwohl der aufmerksame Zuschauer schnell weiß, dass es sich um eine Parodie handelt. Solche Szenen sind es, u. a., die verdeutlichen, wie viele differenzierte Gedanken die Gruppe unter der Leitung von Regisseur H. Warnecke in die Inszenierung investiert hat.
Die ewig gültige Frage
Mit dem Verlassen des Chatrooms, also von Beginn an, steht die Frage im Raum: Springen die beiden Jugendlichen in den Tod? Sicher, gewisse Lebenszeichen gibt es, dass es nicht dazu kommen wird: Augusts Fische, die er mit in den hohen Norden transportiert, das mitgebrachte Zelt zum Übernachten oder auch die Kiste mit Proviant. Welcher Selbstmörder kümmert sich um seine Fische, wenn er sowieso das Leben „wegwerfen" will, schläft noch eine Nacht über diese bereits feststehende Entscheidung, bringt sich etwas zu essen und zu trinken mit?
Technik-Profis
Die wesentlichen Einschnitte, die zur Reflexion und Spiegelung der Charaktere dienen, werden von den Protagonisten selbst mit der Kamera festgehalten und für das Publikum auf die Leinwand projiziert. Hauptverantwortlich dafür sind natürliche andere „Drahtzieher": das gut eingespielte Techniker-Profi-Team - Torben Petersen und Mario Schaper - einfach genial und wirklich professionell, was diese beiden Schüler auf dem Gebiet von Technik, Licht, Musik zu bieten haben!
Wendepunkt im Zelt
Viele werden sich erinnern an den Wendepunkt in der gegenseitigen Beziehung zwischen Julie und August: die erotische Szene im Zelt, gespiegelt durch das geschickt eingesetzte Spiel von Licht und Schatten: August offenbart Julie seine Zuneigung, und der Zuschauer kann über die Videoaufnahme alles beobachten, direkt teilhaben, erotische Fantasien entwickeln. Unwahrscheinlich spätestens jetzt, dass sich jemand das Leben nehmen will, der nach einem solchen (gestalteten) „Liebesakt" vor Lebensfreude nur so strahlt.
Bühne, Anspruch und Applaus
Aufgrund des hohen Niveaus dieses Stückes ist der Auftritt des Goetheschul-Theater-Teams auf der Herschelbühne nicht der erste und auch nicht der letzte Auftritt. Das hannoversche Umland, der „Ballhof" Hannover sind Bühnen, wo ihnen Beifall gezollt wurde und wird. Ein Wunder? - Nein, denn dem Publikum stellt sich ein perfekt eingespieltes Team vor:
Noch einmal: Das TEAM
Die talentierten Schauspieler Tamara Semzov und Matwej Novakovski spielen und transportieren die zeitlos-aktuelle Thematik - die leidenschaftliche Suche nach dem Sinn des Lebens - treffend und realitätsnah. Diese beiden „round characters" sind einfach beeindruckend! Und, auch das weiß jeder, dahinter steht natürlich immer ein Regisseur: H. Warnecke!
Das Publikum
Wir, die Schüler der Herschelschule, danken dem Theater-Team der Goetheschule dafür, dass wir an diesem großartigen Projekt teilhaben konnten.
Die Realität - ein Fake?
Diese Theateraufführung hinterlässt bleibende Erinnerungen! Vor allem anderen auch deshalb, weil in dem Stück die Aktualität der zentralen und immer „jungen" Fragen brennt: Warum lohnt es sich zu leben? Ist die Realität der Erwachsenen nicht nur ein Fake?
Auf der Suche nach der scheinbar einzig wahren Realität streifen die beiden Jugendlichen den Gedanken an die Wirklichkeit des Todes und - finden dabei einander und zu sich selbst.
Für die Figuren und auch für uns als Publikum mündet alles in den Satz, den Appell, mit dem der Autor Bauersima das Stück beendet: „Lass´ uns das Leben versuchen!"
Bericht: Marianne Peters, Monika Klassen (13.Jg.)